Amazon ändert Ausleih Boni

Das ist mein KDP Dashboard. Der Einfachheit zur Liebe zeigt es nur den deutschen Markt in den vergangenen 90 Tagen.

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Wer sich ein bisschen damit auskennt, merkt schnell: ich mache eine Menge Geld damit. Um genau zu sein komme ich mit eigenen Büchern und Beteiligungen an den Büchern anderer (die nicht in diesem Screenshot erfasst werden!) im Monat auf etwa 20.000 Euro (umsatzsteuerfrei!). Amazon macht somit einen großen Teil – wenn auch nicht alles – meines monatlichen Einkommens aus.

Davon machen KU/KOLL und der Allstar Bonus etwa 10.000-15.000 Euro aus. Also gut 50%-75%. Jongliert man mit mehreren Pseudonymen gelingt es einem nämlich auch in den Bonusstufen noch einmal richtig zu punkten. 2 x 2000 Einheiten kommen auf 2 x 1.500 Euro also 3.000 Euro Bonus, statt auf 1 x 4000 Einheiten also 2.500 Euro Bonus. Um mehr Ausleihen und höhere Bonusstufen zu erreichen sind in der Vergangenheit viele schon dazu übergegangen ihre Bücher in möglichst viele kleine Teile aufzusplitten. Wirtschaftlich hat es sich viel mehr gelohnt ein Buch mit 1000 Seiten in 10 Teilen zu veröffentlichen statt in einem. Denn so bekäme man 10 x Ausleihen (~1,20 Euro) + mehr Leihvorgänge überhaupt => größere Chancen auf einen Bonus. Statt einmalig 1,20 Euro.

Doch jetzt wird es richtig lustig. Denn Amazon hat angekündigt, dass Leihvorgänge zukünftig nach Anzahl der gelesenen Seiten entlohnt werden sollen. In der Praxis bedeutet das, dass bspw. im Monat 10 Millionen Dollar in den Fond eingezahlt werden. Daraus folgt 1 Millionen Nutzer zahlen jeweils 10 Dollar im Monat ein. Angenommen diese 10 Millionen Nutzer lesen im Schnitt 500 Seiten pro Monat. Wenn man also für 10 Euro 500 Seiten bekäme, hätten 100 Seiten den Wert von 2 Euro. Wer nun ein Buch á 250 Seiten einstellt, dass komplett gelesen wird. Der bekommt pro Leihvorgang 5 Euro. Guter Wert. Wer 1.000 Seiten einstellt, der bekäme sogar 20 Euro für den Leihvorgang… aber Moment…

Achtung: Jetzt kommt das Argument, dass Kindle Unlimited Kunden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Vielleser sind, für die sich KU nur lohnt, weil sie deutlich mehr als 500 Seiten lesen. Vielleicht lesen sie sogar 1000 oder 2000 Seiten im Monat. Doch ist das wirklich so?

Amazons Änderung ist die Reaktion auf eine Entwicklung. Einerseits ist es die Entwicklung, dass immer mehr große Autoren das Select Programm verlassen und somit für die Ausleihen nicht mehr zur Verfügung stehen. Kindle Unlimited wird also für den Endverbraucher uninteressanter und zum Restewühltisch. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken ist es sinnvoll einen Autor eines 1.000 Seiten Romans besser zu entlohnen als jemanden, der eine Kurzgeschichte von 20 Seiten einstellt. Soweit, so gut…

Doch wieder stellt sich die Frage nach dem Konsumverhalten!

Wer ist der typische KU Nutzer?

Ist es wirklich derjenige, der jeden Tag 100 Seiten liest? Also 3.000 Seiten im Monat? In den Top 100 Kindle Charts gibt es viele Bücher mit vielen Seiten für 99ct.! „Summerroses in the Rain“ 440 Seiten für 99ct. „Tiefschwarze Melodie“ 353 Seiten für 99ct. „Tod und tiefer Fall“ 300 Seiten 99ct. „JACE – Einspruch abgelehnt!“ 420 Seiten für 99ct.

Wenn ich also vor habe im Monat über 1.000 Seiten zu lesen. Könnte ich auch einfach 2-3 99ct. Titel kaufen! Statt eine Flatrate für 9,99 Euro abzuschließen. Vor allem weil die 99ct. Bücher sogar auf meinem Kindle bleiben. Ich muss sie nicht zurück geben. Ist der typische KU Nutzer also jemand, der viele Bücher mit vielen Seiten liest?

Laut Selfpublisherbibel lag die Höhe des Fonds im Mai bei 9,68 Millionen Euro. Bei 1,21 Euro pro Ausleihe kommen wir auf 8 Millionen. 9,68 Millionen Euro durch ~10 Euro pro Nutzer bedeutet. etwa 968.000 Kindle Unlimited Nutzer weltweit. Diese 0,968 Millionen haben 8 Millionen Bücher gelesen? Nein ausgeliehen. Es fanden also 8,26 Leihvorgänge pro Nutzer statt.

Wenn ich also 8 Bücher mit vielen Seiten im Monat ausleihen möchte, bin ich wohl immer noch mit kaufen besser dran. Denn die meisten Titel kriege ich schon für 99 Cent.

Dieser Wert kann also nur zu Stande kommen wenn es

– viele Vielleser gibt, für die sich KU lohnt weil sie deutlich mehr als 8 Bücher lesen. – Sie senken den Schnitt

– viele Karteileichen gibt, die das Abo weiter beziehen aber nichts leihen bzw. die Bücher auf dem Kindle noch nicht zu Ende gelesen haben – Sie heben den Schnitt

ODER:

– es gibt einfach viele Leute, die viele Bücher ausleihen und sie nicht zu Ende lesen. Sie nutzen Kindle Unlimited um in Bücher reinzuschauen.

Vor allem bei den großen Titeln geht man hier kein Risiko ein. Man leiht ein Buch, weil es in den Top 10 ists. Liest die ersten 10%, stellt aber irgendwann nach der Hälfte fest, dass das Buch doch nichts ist und gibt es zurück.

Für Amazon ist das aber ein Problem. Denn so werden überdurchschnittlich viele Ausleihen produziert und jeder Autor bekommt weniger.

Sicherlich gibt es Menschen, für die sich Kindle Unlimited lohnt, weil sie mehr als 3.000 Bücher (mehr als 10 Bücher mit im Schnitt mehr als 300 Seiten) lesen. Doch die werden in der Minderheit sein. Ganz ehrlich, wie viele Leute kennen wir, die mehr als 100 Seiten am Tag lesen? Wie viele Leute kennen wir die Mitglied bei McFit sind, ihren Mitgliedbeitrag seit Jahren bezahlen aber nur alle paar Monate mal hingehen? So ähnlich wird es sich auch bei Kindle Unlimited verhalten.

Sollte jemand wirklich 8 Bücher á 250 Seiten  im Monat komplett zu Ende lesen, so würde er im Monat 2000 Seiten lesen. Ergo wäre er besser bedient, wenn er die Bücher kauft. Ich vermute eher, dass die meisten Kindle Unlimited Nutzer viele Bücher nur kurz anlesen. Die guten auf dem Kindle lassen, sie ggf immer noch kaufen, die anderen wieder zurück geben.

Angenommen der durchschnittliche Kindle Unlimited Konsument liest im Monat 500 Seiten. Das ist schon recht viel. Denn so könnte er 8 Bücher mit wenigen Seiten komplett lesen oder längere Bücher kurz anlesen. Er kann also viele Ratgeber oder Kurzgeschichten konsumieren, die nur ~50 Seiten haben oder verschiedene Bücher risikofrei anlesen. In diesem Fall hätten 100 Seiten den Wert von 2 Euro.

Jetzt jubeln natürlich die Leute, die einen Fantasy Roman mit 1.000 Seiten bereit stellen.

Doch wie viele von euren Seiten werden tatsächlich gelesen und in welcher Zeit? Aktuell bekommt jemand mit einem 1.000 Seiten Roman seine 1,20 pro Ausleihe, wenn die ersten 10% gelesen wurden. Also 100 Seiten. Doch was ist, wenn jemand nach 200 Seiten eine Pause macht und das Buch auf dem Kindle verstaubt bis er es sich in ein paar Monaten noch mal vornimmt? Nicht nur, dass ihr dann „nur“ 4 Euro für 200 Seiten statt 20 Euro für 1000 Seiten bekommen würdet. Es ist fragwürdig ob ihr die überhaupt bekommt. Denn wann will Amazon abrechnen? Sinnvoll wäre den Schnitt zu machen, wenn das Buch zurückgegeben wird. Ich lese also 400/1000 Seiten und gebe es zurück. Der Autor bekommt somit 8 Euro. Aber was ist wenn ich mir stattdessen denke: „ich lese das noch…. aber erst lese ich schnell das…“ dann verstaubt das Buch auf meinem Kindle, bis ich Kindle Unlimited irgendwann kündige oder das Buch zurückgebe, weil ich Platz schaffen muss. Vielleicht lese ich es erst in 2-3 Monaten zu Ende. Vielleicht nie. Der Autor wartet so lange.

Eine andere Möglichkeit wäre einen Teil bereits zu synchronisieren und zu vergüten sobald der Kindle mit dem Internet verbunden ist. Dann bekommt der Autor im Dashboard direkt angezeigt wie viele seiner Seiten gelesen wurden. Was die Seiten wert waren erfährt er natürlich erst am 15. des Folgemonats, wenn die Abrechnung kommt: es wird also so oder so undurchsichtiger.

Natürlich haben die Leute, die Sachbücher und Kurzgeschichten schreiben jetzt Angst. Denn wer 10 Storys á 50 Seiten im Rennen hat. Der wird niemals gegen jemanden ankommen, der 10 Bücher á 500 Seiten im Rennen hat. Hier wird also die Schere größer. Die Spreu trennt sich vom Weizen.

Bei Amazon gibt es ganze Genres, die nur von kurzen eBooks dominiert werden. Im Bereich Erotik aber auch bei den Ratgebern. Hier hat man mit kurzen Sachen früher voll gepunktet. Ein Buch mit den 10 besten Tipps zum Sparen, das die Message auf den Punkt bringt wird nun deutlich schlechter vergütet als ein Buch das künstlich in die Länge gestreckt wird (sofern das künstliche Buch bis zum Ende gelesen wird!)

Das wird dazu führen, dass im Bereich der Sachbücher und Erotica viele aus dem KDP Select Programm rausgehen. Dann lohnt sich auch für die Kunden die KU Flatrate nicht mehr und es wird insgesamt wieder mehr gekauft. Wovon Sachbücher eh profitieren würden, weil diese im Schnitt teurer sind.

Hinzukommt, dass wir immer noch davon ausgehen müssen, dass die meisten Leihvorgänge ein „ich gucke mal kurz ins Buch rein“ sind und die „Vielleser“ durch die „Karteileichen“ wieder neutralisiert werden.

Amazons Änderung ist die Reaktion auf eine Entwicklung!

Ich vermute sogar, dass Amazon weiß, dass die meisten Nutzer viele Bücher ausleihen aber nur kurz anlesen und dann wieder zurückgeben. Schließlich erfasst Amazon die Seitenzahl schon jetzt. Dadurch sinkt der Wert pro Ausleihe immer weiter. Weil viel ausgeliehen aber wenig gelesen wird. Mit dieser Änderung kann Amazon also diesem Trend entgegen wirken und Autoren können unterm Strich sogar wieder mehr mit KU/KOLL verdienen und das gilt insbesondere für das Mittelfeld. Denn bei den Storys, die nur ~100 Seiten haben ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bis zum Ende gelesen werden recht hoch. Anders als bei einem 1.000 Seiten Roman, der möglicherweise erst nach ein paar Monaten – wenn überhaupt – beendet wird und oft sogar nur angelesen wird. Wer also Bücher mit 100 Seiten Umfang schreibt, wird zukünftig sicherlich mit mehr als 1,20 pro Leihvorgang belohnt. Wer deutlich weniger schreibt, wird vermutlich hohe Einbußen erleiden. Wer deutlich mehr Seiten zur Verfügung stellt, der aber auch!

Meine neuen chinesischen Freundinnen

In Rom habe ich Grace und Yo getroffen. Grace heißt eigentlich Cayenne – wie der Porsche Cayenne – wobei ich mir sicher bin, dass man es anders schreibt, stellt sich aber mit ihrem „englischen Namen“ vor und Yo hat einen so langen Namen, dass ich bei jeder ihrer Vorstellungen nach dem „Yo“ aufgehört habe zuzuhören. Am Donnerstag waren wir nach meiner Ankunft in Rom zusammen etwas essen. Am Freitag bin ich mit dem chinesischen Porsche in den Vatikan gegangen um den Petersdom zu besichtigen.

Vorher waren wir in einem Café etwas Essen. Der Kellner fragt mich „Where are you from?“ und ich antworte „from Germany“. Woraufhin er meiner neuen Freundin einen Cappuccino mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ bringt. Sie hat fleißig geübt, bis sie es aussprechen konnte.

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Cayenne studiert in Frankreich Fotografie. Sie verfügt über ein B2 Level in Französisch und auch ihr Studiengang ist auf Französisch, allerdings ist es „Out of her Comfortzone“ Französisch zu sprechen. Yo hat zwei Jahre in Spanien Architektur studiert. Sie ließ keine Möglichkeit aus um sich zu profilieren wie cool sie ist, weil sie einige Worte Spanisch versteht. Irgendwie ging sie mir wahnsinnig auf die Nerven.

Am Abend überrascht mich Yo auf meinem Hotelzimmer.

„Have you seen what happend today?“

fragte sie panisch und zeigte mir ihr Handgelenk, das sie mit einem Schweißband notdürftig verbunden hast. Dann erzählte sie ausschweifend, wie sie auf einer Treppe ausgerutscht war.

„Is it broken?“

„I think so…“

„Have you been to a doctor?“

„No.“

Alles klar, DramaQueen.

11137801_1659582794263150_838073134_nDie nächsten Tage verwies Yo immer wieder auf ihr geschundenes Handgelenk, das – wie sie sich einbildete – langsam schwarz wurde. In meinem Hotelzimmer fragt sie mich dann ob wir am nächsten Tag essen gehen. Dann behauptet das hinterfotzige Weib Grace hätte ihr in meinem Beisein beim letzten Abendessen auf Chinesisch gesagt, sie würde nicht mitkommen wollen. Wow. Ich lache in mich hinein, schließlich weiß sie, dass ich diese Aussage aufgrund mangelnder Chinesischkenntnisse im Moment weder ver- noch falsifizieren kann. Doch kurz darauf platzt Grace ebenfalls in mein Zimmer und fragt ob wir am nächsten Tag in die sixtinische Kappelle gehen. Die beiden gucken sich an, gehen vor die Tür und beginnen auf chinesisch zu streiten. Das ganze Dauert etwa ne Stunde, dabei schauen sie immer wieder nervös zu mir rüber und ich höre „Museum“ und „Vatikaaaa“ raus, was wohl „Vatikan“ heißt. Es ist eigentlich vollkommen überflüssig, dass sie zum Streiten rausgehen. Ich hätte sie ja eh nicht verstanden. Aber sie tun es trotzdem. Nach über einer Stunde kommt Yo zurück und zeigt mir auf ihrem Handy Bilder von einem chinesischen Restaurant. Es sieht so aus als hätte sie, trotz vermeintlich gebrochenem Handgelenk, den Bitchfight für sich entschieden.

Am nächsten Tag gehe ich zum Bahnhof um einen Zug für den Abend zu organisieren, entscheide mich dann um und entschließe mich noch zwei Nächte länger in Rom zu bleiben. Also lasse ich mir ein neues Zimmer geben von dem Grace und Yo nichts wissen. Ich verbringe den Tag auf der Dachterrasse, bis mich eine Facebook Nachricht von Yo erreicht, die sich – zusammen mit Grace – an der Trajansäule mit mir treffen will. Offensichtlich hatte der chinesische Porsche ihre Anwesenheit doch durchgesetzt. Respekt. Wir gehen in ein Restaurant. Der Kellner ist wahnsinnig unhöflich, typisches Touristenlokal eben. Während der die Bestellung aufnimmt, wird er immer pampiger, bis ich schließlich zu den Mädels sage, dass ich die Schnauze voll habe und wir in ein anderes Lokal gehen werden.

Lustig ist, dass der unhöfliche Kellner sich daraufhin zu seinem Kollegen auf Italienisch sagt: „Ich weiß nicht, wo das verdammte Problem ist„. Woraufhin ich mich zu ihm umdrehe und ebenfalls auf Italienisch sage: „Mein Problem ist, dass Sie verdammt unhöflich sind„. Dann verlassen wir das Lokal. Gefolgt von einem peinlich überraschten Kellner, der sich noch einige Mal bei mir zu entschuldigen versucht.

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Mehr davon auf Instagram: @Samfeuerstein

Nachdem wir erfolgreich etwas gegessen haben, gehen Yo und ich einkaufen. Sie hat beschlossen, dass sie für mich etwas zu Essen machen wird. Zwar haben wir keine Küche, aber sie ist einfallsreich. Sie kauft Nutella, Brot, Salat, Obst und fragt mich die ganze Zeit was ich will. Ich beschließe zu Subway zu gehen. Dann fängt sie an unbedingt Deutsch lernen zu wollen und ich bringe ihr ein paar Sachen bei. Das ganze ist für sie so schwierig, dass sie bald nur einen Satz wirklich fehlerfrei beherrscht. Es ist der meist verwendete Satz: „Ich hasse Deutsch„. Aber auch ihre Vorstellung „Mein Name ist Yo ich komme aus China“ klappte mit der Zeit immer besser.

Vollkommen ohne den Einfluss von Alkohol entstand davon dieses Video in das sich auch Grace einschaltete mit dem Satz, den sie durch Yos stetige Wiederholungen gelernt hatte und den anderen von der Kaffeetasse:

P.S.: Während ich diesen Text schreibe sitze ich im IC von Pisa nach Milano. Vier Stunden zusammengepfercht mit fünf italienischen Frauen, die sich ausgiebig über die Klimaanlage unterhalten und mir ständig Bonbons anbieten. So kann man auch Italienisch lernen. Gerade kam der Schaffner und als sie sich bei ihm darüber beschwerten, dass es zu kalt sei, sagte er: „Wenn euch kalt ist könnt ihr alle zu mir kommen„. Hach, Italien! <3

P.P.S.: Während ich das schreibe, schreibt Yo mir ununterbrochen bei Facebook. Ich hatte gehofft, ich würde sie los werden aber jetzt plant sie auch einen Tripp nach Deutschland…

Warum ich kein Hardcore Traveller bin…

Milano. Roma. Firenze. Napoli. Sorrento. Roma di nuovo. Seit dem 02. April 2015 bin ich in Italien. Davor war ich auf Mallorca, in Valencia, wieder auf Mallorca. 

Ich wollte zwei Nächte in Rom bleiben, jetzt habe ich verlängert und bleibe vier. In Napoli habe ich Tyson getroffen. Er kommt aus Canada und arbeitete dort als Softwareentwickler. Dann hatte er das, was er ein Burnout nannte. Er beschloss drei Monate durch Asien zu reisen und fand, dass Reisen ihn „more open minded“ macht und nun denkt er, dass er seine „Passion“ finden muss, denn mit der ganzen Arbeit macht er sich selbst nur kaputt, stattdessen ist es doch viel cooler regelmässig „out of your comefortzone“ zu gehen. Jetzt redet er von einem minimalistischen Lifestyle und davon, dass alles was er zum Leben braucht in seinen Rucksack passt.

Ich hasse solche Leute

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Er ist wirklich ein lieber Kerl und ich wünsche ihm nur das Beste. Doch ich bin sicher: sobald seine Ersparnisse aufgebraucht sind wird er wieder zurück nach Canada gehen und dort in seinem alten Job als Softwaredeveloper arbeiten. Was ja auch okay ist.

Das Ding ist nur, dass ich diese Romantisierung des ausschließlichen Reisens nicht mehr Ernst nehmen kann.

Es ist eben – auf Dauer – nicht cool, wenn man nur eine Hose und zwei T-Shirts besitzt und ständig waschen muss, weil man ebenfalls auch nur drei Unterhosen besitzt. Es ist geil sich auch mal neue Sachen zu kaufen, es ist geil verschiedene Outfits zu haben. Ich liebe es Anzüge zu tragen und auch mehr als einen davon zu besitzen. Ich liebe es aber auch Jeans, T-Shirts und eine Lederjacke anzuziehen. Ich finde es geil Bücher zu kaufen und sie danach einfach noch weiter zu besitzen und ins Regal zu stellen (ich finde es btw. auch manchmal ganz geil überhaupt ein Regal zu haben!).

In sozialen Medien und auch in meinem Freundeskreis geht das Gespenst um, dass es der heilige Gral wäre einfach nur noch zu reisen und sich – wenn überhaupt – mit Gelegenheitsjobs oder als Freelancer durchzuschlagen. Gefüttert wird dieses Bild von unzähligen Travelblogs, die uns vorgaukeln wie easy und cool es ist sein eigenes Business aufzuziehen und nur noch von passivem Einkommen zu leben. Dass Outsourcing die Lösung für all unsere Probleme darstellt. Die Vorstellung, dass wir nicht mehr als ein Konsumsklave des Systems sind, wenn wir mehr besitzen als in unseren Rucksack passt. Aber es ist nicht geil. Zumindest nicht ausschließlich. Alles im Leben hat auch eine Schattenseite.

Die Schattenseiten sind zum Beispiel, dass…

…man oft wenig schläft

Das gilt für mich im Besonderen. Aber auch für andere. Viele Menschen, die Reisen zu ihrem Lifestyle gemacht haben, schlafen meistens in Hostels. Das ist cool. Ein Hostel ist der ideale Ort um mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Aber es ist laut! Insbesondere wenn man sich mit anderen Leuten ein Zimmer oder einen Schlafsaal teilt. Manche Gäste kommen erst mitten in der Nacht nach Hause, andere brechen um 4 oder 5 schon wieder auf um weiterzureisen. Kaum eine Nacht schläft man wirklich gut. Das Resultat ist, dass man oft unausgeschlafen ist und die Zeit am Tag weniger gut nutzt. Für „über Nacht reisen“ gilt dasselbe. Klar ist es günstiger wenn man einen Nachtzug bucht mit der Option „einfach im Zug schlafen zu können“ und sich so die Kosten für die Unterkunft spart. Doch in den meisten Nachtzügen ist das Licht nie ganz aus. Es läuft „ständig“ ein Schaffner durch den Gang. Fahrgäste steigen ein und aus. Wirklich erholsam schlafen tut man da nicht. Und dann ist es wieder die Frage: War es das wert? Wenn ich den ganzen Tag matschig bin, ist es das wert gewesen, dass ich die Übernachtung gespart habe?

… man viel verlorene Zeit hat.

Beim Warten auf Züge, Flugzeuge usw. und die kann man – entgegen aller Erwartungen – nicht immer optimal nutzen. Zwar arbeite ich auch viel im Zug, ich arbeite viel an Flughäfen. Ja, ich freue mich oft sogar wenn ich ein paar Stunden früher am Flughafen bin und Zeit habe um sie totzuschlagen. Weil ich mir einbilde, dass ich dann endlich dazu komme das Buch fertig zu lesen, das ich dabei habe. Oder dass ich schnell den Text beende, der schon so lange aussteht. Aber die Realität ist, dass man nicht zu 100% die selbe Produktivität erreicht. Klar, es ist besser wenn man auf einer Zugfahrt von drei Stunden eine bestimmte Sache schafft, als wenn man gar nichts gemacht hätte. Aber in der Regel hätte man die selbe Aufgabe an seinem Schreibtisch in ein oder zwei Stunden erledigt.

…man schlechter isst!

Auch wieder ein Punkt, der auf mich im Besonderen zutrifft. Wenn ich viel reise greife ich öfter zu Fastfood. Man möchte ja auch die einheimische Küche ausprobieren. Ich gehe also oft auswärts essen, statt zu Hause zu kochen. Cool ist, wenn man in einem Hostel absteigt in dem es eine Küche gibt. Dann hat man die Möglichkeit einzukaufen und frisch zu kochen. Was einem einfach besser tut. Seit fast 6 Wochen esse ich jeden Tag auswärts und es ist cool. Aber ich merke an meinem Hautbild, dass es mir besser tun würde wieder mal länger am selben Ort zu sein. Dass es besser für mich wäre wieder zu meiner normalen Ernährung zurückzukehren. Bestehend aus frischem Obst und Gemüse, Haferflocken zum Frühstück, weniger einfache Kohlenhydrate. Klar, könnte ich diese Ernährung auch hier durchziehen. Doch man braucht dafür viel, viel mehr Disziplin als zu Hause. Hinzu kommt die Müdigkeit. Ich schlafe schlecht, esse nicht so ausgewogen. Ich merke, dass ich nicht so leistungsfähig bin. Dadurch bleibt vieles auf der Strecke.

Ich will nicht sagen, dass es schlecht wäre ausschließlich um die Welt zu reisen. Als Backpacker, mit einem mobilen Lifestyle. Ich will nur sagen, dass es nicht nur cool ist. Es ist vor allem fucking anstrengend. Für mich ist es nicht das Richtige, denn ich lebe gern gemütlich. Ich habe in diesem Artikel schon klar gemacht, warum es für mich wichtig ist, dass ich nicht reise um 24/7 zu reisen sondern, dass ich meinen Lifestyle an schöne Orte verlegen will. Ich will Leben und nicht durch die Welt hetzen. Ich will mir Zeit nehmen. Ich will mir für 4 oder 6 Wochen irgendwo ein Apartment nehmen, dort selbst kochen, Freunde einladen, arbeiten, lernen und jeden Tag ein wenig Zeit damit verbringen mir die Gegend um mich herum anzusehen.

Deswegen habe ich ab Mai ganz fest ein Strandhaus auf Mallorca. Ich kann dort einfach Leben, nicht Urlaub machen. Ich kann dort arbeiten, Freunde einladen und immer wenn mir danach ist einfach an den Strand gehen. Aber wenn es mir zu viel wird kehre ich zurück in meinen Alltag. Ohne, dass ich jeden Abend schon das „Bitte nicht stören“ Schild an die Tür hängen müsste um am nächsten Tag auch mal auszuschlafen. 

Wieso ich keinen Urlaub mache

„Wie schaffst du es eigentlich so viel Urlaub zu machen?“

Das fragen mich Menschen immer wieder. Aber was sie nicht verstehen ist, dass ich hier keinen Urlaub mache. Es stimmt. Ich bin in der beneidenswerten Situation, dass ich ausreichend Geld habe und nicht jeden Tag arbeiten muss. Eigentlich würde mein Geld sogar reichen, wenn ich zur Zeit gar nicht arbeiten würde, denn ich verdiene immer noch an Sachen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe. Zum Beispiel an Büchern, die ich geschrieben habe, an Projekten, an denen ich beteiligt war und von deren Gewinnausschüttung ich noch heute profitiere, an Beteiligungen usw.

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Und ich reise viel. Mehr als 180 Tage im Jahr bin ich außerhalb Deutschlands.

Aber das ist kein Urlaub, das ist mein Leben

Ein Leben, das mit Sicherheit besser ist als das verdreckte Dortmund, mit all seinen Problemen, in dem ich aufgewachsen bin. Ein Leben das es mir erlaubt jeden Tag auszuschlafen so lange ich will, in der Sonne sitzen, auf meiner Dachterrasse in meiner Hollywoodschaukel. Aber es ist trotzdem kein Urlaub, denn ich habe meinen Alltag in meine Auslandsaufenthalte eingebunden. Dazu gehört, dass ich jeden Tag arbeite und lerne. Und: ich liebe es.

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Ich liebe es in der Sonne zu sitzen, in den Cafés in Südeuropa, etwas kaltes zu trinken zu bestellen und stundenlang zu lernen. Ich liebe es Sprachen zu lernen, auch wenn ich sie nicht brauche und vor einiger Zeit habe ich ein Studium an der FernUni Hagen begonnen. Die FernUni in Hagen ist die einzige staatliche Fernuniversität in Deutschland, dadurch dass es sich hierbei um eine staatliche Uni handelt, ist der Abschluss gleichwertig mit dem an einer Präsenzuni, einer „normalen“ Uni und trotzdem habe ich die Freiheit von überall auf der Welt zu lernen, wann immer ich will. Ich muss meinen Tagesablauf nicht danach richten wann in der Uni Vorlesungen stattfinden. Ich nehme einfach mein Buch, setze mich in ein Café und lerne ein paar Stunden. Ich müsste das nicht machen, denn für mein finanzielles Auskommen benötige ich keinen Hochschulabschluss aber ich mache es gern. Weil ich gerne lerne.

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Manchmal höre ich Menschen sagen: „ich würde mit 25 nicht mehr lernen wollen…“

Ich bin froh, dass ich keiner dieser Menschen bin. Denn die Vorstellung, dass ich eines Tages den Punkt erreiche wo ich nichts Neues mehr lernen würde schreckt mich ab. Ich könnte genau so gut innerlich tot sein. Ich finde es auch traurig, dass in den Köpfen vieler Menschen die Vorstellung vorherrscht, dass Lernen etwas ist, das nur mit Anstrengung und negativen Gefühlen verbunden ist und das man vermeiden sollte. Immer wieder rege ich mich darüber auf, dass in der Schule lernen als „Strafe“ eingesetzt wird. Wer im Unterricht negativ auffällt, der muss eine Aufgabe mehr machen. Der muss mehr Lernen, weil das Lernen an sich etwas so negatives ist, dass man es als Strafe einsetzt, dass man es einsetzt um jemanden mit einer Sache zu bestrafen, die er normalerweise vermeiden würde. Das ist doch pervers, oder? 

Für mich ist Lernen der Weg, den es zu genießen gilt. Nicht der steinige, anstrengende Weg den man nur auf sich nimmt um das Ziel (eine gute Note, einen Abschluss, whatever) zu erreichen sondern der schöne Weg, den ich gerne gehe um dabei die Landschaft links und rechts vom Weg zu genießen.

So genieße ich den Moment während des Lernens. Ich genieße es Neues zu erfahren. Auch wenn die meisten wissenschaftlichen Bücher natürlich nicht so spannend geschrieben sind wie ein Roman. Aber ich bin glücklich im hier und jetzt und das ist das wichtigste.

Glücklich zu sein ist das Wichtigste, denn wenn man es nicht ist sind alle anderen Maßstäbe die man zur Beurteilung des persönlichen Lebens heranzieht wertlos.

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Ich bin glücklich aber nicht zufrieden

Das ist ein Unterschied. Denn „Zufrieden“ würde voraussetzen, dass ich nichts mehr ändern möchte. Ein Zustand, in dem ich nichts mehr verändern möchte, also auch nichts mehr erreichen will, ist nicht das Paradies. Es ist die Hölle. Es würde bedeuten, dass die Realität alle Träume, die ich noch in meiner Seele habe, begraben hätte. Die logische Folge wäre, dass ich nicht mehr wüsste wozu ich morgens noch aufstehen sollte. Stattdessen bin ich nicht zufrieden. Ich bin glücklich, denn ich liebe mein Jetzt so wie es ist. Aber ich will trotzdem noch mehr sehen, ich will diesen Sommer endlich meinen Sportbootführerschein machen und ich träume davon durch das Mittelmeer zu segeln, ich will in den nächsten Jahren mehr Sprachen lernen bzw. die Sprachen, die ich bereits zu lernen begonnen habe, weiter verbessern. Ich will mein Latinum und Graecum nachholen, eine Fluglizenz erwerben und noch viel, viel mehr verrücktes Zeug machen. Alles eins nach dem anderen.

Das was ich hier mache ist kein Urlaub. Urlaub wäre es, wenn ich jeden Tag aufstehen würde, dann zum Strand gehen oder mir etwas in der Stadt ansehen würde und Bücher nur zum Vergnügen lesen würde. Aber das hier ist mein Leben: ich arbeite jeden Tag ein paar Stunden, ich lerne jeden Tag und natürlich genieße ich auch das Drumherum aber eben nicht ausschließlich. So viel Urlaub würde ich gar nicht ertragen…

Die Fotos dürfen – wie immer – mit Link zu meinem Blog frei verwendet werden.

Italien ein Land wie für mich gemacht

Im Mai werde ich 26 Jahre alt. Vorher wollte ich unbedingt einmal Interrail ausprobieren, weil es da bis einschließlich 25 eine Jugendermässigung gibt. Also auf geht es für drei Wochen durch Italien zu reisen. Ich liebe Italien. Endlich ein Land in dem es vollkommen sozial akzeptiert ist sich in der Öffentlichkeit an den Eiern zu kratzen, wo man braune Schuhe zu einem dunklen Anzug tragen kann und damit noch gut aussieht, weil es alle machen und alle gut aussehen. Außerdem kann man immer eine Sonnenbrille tragen. Insbesondere in geschlossenen Räumen oder zu einer dicken Jacke. Oder beides.

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Ein Interrailpass ist eine Fahrkarte für ein (oder mehrere) Länder in Europa. Man zahlt einen bestimmten Betrag und kann dann – abhängig davon welchen Pass man auswählt – innerhalb eines Monats eine bestimmte Menge an Tagen jeden Zug nehmen. Die Tage trägt man dann in den Pass ein. Hinzu kommt, dass man in einigen Ländern für die Züge eine Reservierung braucht die kostenpflichtig ist. In Italien benötigt man diese Reservierung für Schnellzüge und sie kostet 10 Euro. 

 

Für den Italien Interrailpass habe ich jetzt 178,- Euro bezahlt. Zusätzlich habe ich eine Versicherung gegen Verlust und Diebstahl dazu genommen und den Expressversand um sicher zu sein, dass der Pass noch rechtzeitig vor meinem Flug nach Mailand ankommt. Da ich den März in Spanien war und nur das letzte Wochenende in Deutschland war, habe ich den Pass zu meinen Eltern liefern lassen, per Einschreiben auf den Namen meines Vaters. Da man für jeden Schnellzug eine Reservierung braucht, kommen zusätzlich noch mal mindestens 80 Euro dazu. Ich bin also mit Versand, Versicherung und den Reservierungen bei mindestens 280 Euro für 8 Tage. Also 35 Euro pro Tag, den ich fahre. Das ist – dank der Jugendermässigung – immer noch ein guter Deal. Wenn ich den Vollpreis zahlen würde, würde ich mir aber überlegen, ob es sich wirklich lohnt es so zu machen. Wenn man seine Reiseroute lang genug im Voraus plant, ist es vermutlich billiger einfach die „Schnäppchentickets“ von Allitalia respektive einem Bahnunternehmen in einem anderen EU Land zu kaufen.
 
Das geile an Interrail ist aber, dass man sehr flexibel ist bzw. sehr flexibel sein kann. Ich empfehle trotzdem die Reservierungen so früh wie möglich vorzunehmen. Zum Beginn meiner Reise bin ich am Donnerstag, 02.04. von Düsseldorf nach Milano geflogen und wollte von dort aus mit dem Zug nach Rom fahren. In Rom hatte ich bereits ein Hotel für 1 Woche gebucht. Allerdings waren alle Züge voll! Die einzige Möglichkeit von Mailand nach Rom zu kommen bestand darin mit den Regionalzügen (nicht reservierungspflichtig) durch ganz Norditalien zu reisen. 10 Stunden wäre ich unterwegs gewesen. mit einigen Umstiegen unter anderem in Bologna und Firenze (Florenz). Das ist prinzipiell geil, wenn man nicht schon seit über 48 Stunden wach wäre. Ich leide seit Jahren an exorbitanten Schlafstörungen und auch während ich diesen Text schreibe ich bin schon wieder seit über 24 Stunden auf den Beinen, so ganz ohne Drogen 😀 Ankunftszeit in Rom wäre 23:00 Uhr gewesen und da ich weder wusste ob ich um diese Uhrzeit noch in meinem Hotel einchecken könnte noch das Risiko eingehen wollte einen meiner Anschlüsse zu verpassen und dann mitten in der Nacht irgendwo in der Toskana zu stehen, habe ich mich anders entschieden und für diese Nacht ein Hotel in Milano gesucht. Für die erste Nacht zahle ich so doppelt, Pech gehabt. Hinzu kommt, dass man in Italien einiges an Zeit einplanen muss um die Reservierung vorzunehmen. Man geht dazu ins Kundencenter von Trenitalia und zieht eine Nummer. Bis diese aufgerufen wird vergehen zwischen 60 und 90 Minuten.
 
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Ursprünglich hatte ich geplant, dass meine Reise 34 Tage andauern sollte. Doch aus verschiedenen terminlichen Gründen, musste ich mich noch mal umentscheiden und habe von Deutschland aus nur den Hinflug, Rückflug am 23.04. und meinen Hotelaufenthalt in Rom gebucht. Den Rest mache ich spontan.
 
Eigentlich ist es geil mit dem Zug durchs Land zu fahren. Doch man unterschätzt dabei eine Sache: man schleppt sich tot. Mit Gepäck für vier Wochen durch Italien zu reisen und dieses Gepäck jedes Mal vom Bahnhof zum Hotel und zurückzuschleppen ist Cardiotraining auf ganz neuem Niveau. Insbesondere, wenn man – wie ich – ein Idiot ist und keinen Koffer mit Rollen hat. Sollte ich so eine Reise noch einmal machen, dann wohl eher mit dem Auto. Man ist noch flexibler und kann sein Gepäck besser verstauen. Andererseits hat das Reisen mit dem Zug den Vorteil, dass man die Zeit wunderbar nutzen kann.
 
Reisen als Lifestyle
 
Ich mag es allein zu reisen und mir viel Zeit zu nehmen. Zeit zum Lesen, Arbeiten, Lernen. Ich nehme Sachen für mein Studium mit und verbringe jeden Tag ein paar Stunden mit Lernen. Am liebsten sitze ich dazu lange in Cafés oder in der Sonne in einem Park, nehme ein Script mit oder ein Buch und bearbeite die Aufgaben in aller Ruhe. Das ist etwas, das mich in Rom gestört hat. Obwohl es erst April ist, ist Rom schon jetzt voll mit Touristen. Man kann nirgendwo einfach mal in Ruhe sitzen und lesen. In Palermo oder Neapel habe ich vor mir ein Apartment zu nehmen, statt im Hotel zu wohnen, das bietet noch etwas mehr Ruhe und die Möglichkeit sich auszubreiten.
 
Vor vier Wochen habe ich mir extra noch ein neues Objektiv für meine Kamera gekauft. Ein Tokina AT-X 11-16mm f/2,8. Leider bin ich ein Idiot und habe das Kabel für meine Kamera nicht mit eingepackt. In den Blogposts, die ich während meines Aufenthaltes in Italien schreibe, werden daher nur Bilder enthalten sein, die ich mit dem Handy mache. Andere Bilder kommen nach meiner Rückkehr.
– Sam
 
P.S.: Gerade habe ich erfahren, dass in Deutschland ein Haftbefehl gegen mich vorliegt, weil ich vergessen habe eine Geldauflage zu bezahlen. So wie es aussieht bleibt mir, bis das geklärt ist, nichts anderes übrig als auf meiner Dachterrasse über den Dächern Italiens zu hausen und das Leben eines Gesetzlosen zu führen. La Vita è bella!

Tanzverbot und Kirchenkritik – Das PEGIDA des kleinen Hipsters

Ich schrieb diesen Text im Zug von Milano nach Rom, wo ich Ostern verbringen werde. Und veröffentliche aus Ermangelung an WLAN im Hotel erst am Ostermontag. Deshalb hat dieser Artikel auch ein passendes Titelbild. 
Jedes Jahr in der Zeit kurz vor Ostern entbrennt in sozialen Netzwerken eine leidige Diskussion darüber, dass in Deutschland an Karferitag Tanzverbot besteht. So auch heute. Manche Dinge ändern sich nie…
 
Wenn ich selbst traurig bin, bin verletzt es mich andere Menschen fröhlich zu sehen. Ich empfinde es – in Anbetracht dessen was für mich wichtig ist – als Ignoranz. So ging es mir persönlich als im Sommer vergangenen Jahres, als neue Kämpfe zwischen Israel und den Palästinensern entbrannten und drei israelische Jugendliche von Palästinensern entführt und ermordet wurden. Ich war geschockt, verletzt, traurig und machte mir Sorgen um Freunde, die ich in Israel habe. Gleichzeitig surfte ich durch Facebook und sah dort hunderte lustige Videos, die Leute aus meiner Facebookliste teilten und kommentierten. Es fühlte sich scheiße an. „Wie könnt ihr über so eine Scheiße lachen, während im Nahen Osten gerade Menschen sterben?“, dachte ich mir. Das ist von mir ebenso ignorant und dumm, denn jeden Tag sterben auf der Welt überall Menschen unter den schrecklichsten Umständen und ich trauere nicht darum. Ich lache, wie Millionen andere Menschen auch, über lustige Videos auf Facebook. Die Jugendlichen, die in Israel gestorben sind, sind nicht mehr wert oder besser als alle anderen Menschen auf der Welt. Sie haben mich nur in diesem Moment mehr getroffen. 
 
So ist es mit Karfreitag auch. Karfreitag ist ein Trauertag, der theoretisch für 2/3 der deutschen Bevölkerung, nämlich jene die Mitglied der Kirche sind, interessant ist. Praktisch ist er wohl nur noch für einen kleinen Teil der Bevölkerung relevant. Karfreitag ist der Tag, an dem gläubige Christen der Steinigung von Jesus Christus gedenken und um ihn trauern. Sie trauern nicht nur um ihren Erlöser, sondern auch um ihre eigene Sterblichkeit, denn die Bibel als solche ist immer metaphorisch zu verstehen. Aus Respekt und Empathie diesen Menschen gegenüber, die diesen Tag nutzen und ihn in stiller Andacht begehen, hat der Kaiser einst ein Tanzverbot ausgesprochen. Das Tanzverbot schützt somit die Trauernden. Es bewahrt sie davor aus dem Fenster zu gucken und zu denken: „Okay, heute ist Jesus für unsere Sünden gestorben und ihr habt nichts besseres zu tun als auf den Straßen zu tanzen…“. Das ist sicherlich in einer Zeit, in der die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr den christlichen Glauben zelebriert, nicht mehr so aktuell wie es noch vor 90 Jahren war, damals war jeder in der Kirche. Doch mit was für einer Aggressivität und Wut Menschen sich gegen dieses Verbot auflehnen ist trotzdem erschreckend. Und es hat nichts mit Freiheitsliebe oder Toleranz zu tun.
 

Die Kirche kritisieren ist das Pegida des pseudointellektuellen Hipsters. 

Ich scrolle oft durch Facebook und lese kirchenkritische Artikel. Da wird einfach mal geteilt und sich ein bisschen aufgeregt ohne groß darüber nachzudenken. Über die „unmündigen Sklaven“ (Menschen, die noch dem christlichen oder überhaupt einem Glauben anhängen), die seien ja nicht besser als die sonstigen „Konsumsklaven“ und darüber wie die Menschen einfach so ihren Verstand abgeben könnten. Oft fällt den Leuten dabei gar nicht auf, dass sie selbst intolerant sind und ihre Meinung null differenziert ist und sie ihren Verstand abgegeben haben, denn sie plappern nur nach, was sie irgendwo gelesen haben. So war es mit einem Artikel zum Schutzalter im Vatikan, den jemand aus meiner Facebookliste geteilt hatte und sich ein wenig über die Rückständigkeit der Kirche aufgeregt hatte. Ich habe den Artikel dann auch geteilt zusammen mit ein paar Fragen und Anmerkungen, die mir dazu gleich eingefallen sind und vor allem die Recherche und einseitige Darstellung des Artikels betrafen.
 
Oft kommt es mir vor, als wäre die Kirche das ideale Angriffsziel für junge Menschen, die sich über etwas aufregen wollen ohne die Fakten zu kennen, aber für PEGIDA schon die IQ Grenze von 80 überschritten haben. Sie sind dafür, dass sie dagegen sind. Sie wollen eigentlich nur gegen irgendwas sein. 
 
Die Dummen sterben nicht aus. Als ich im Februar zum Karneval in Venedig war, gab es tatsächlich Menschen, die sich darüber aufgeregt haben, dass es ihnen nicht gestattet war mit einer Maske in den Dom zu gehen. Die venezianische Maske ist DAS Symbol der Kirchenkritik. Der Karneval als solches ist die Form einer Gegenbewegung gewesen insbesondere in Venedig. Maskiert hat sich schon immer der, der von der Kirche respektive der Inquisition nicht erkannt werden wollte. Natürlich möchte die Kirche nicht, dass man sie mit einer Maske betritt. Ich würde es auch nicht geil finden, wenn jemand mit einem „Sam, du bist Scheiße“-T-Shirt mein Haus betritt. Das hat nichts mit deiner persönlichen Freiheit zu tun, wenn die Kirche auf ihren Grundstücken von ihrem Hausrecht Gebrauch macht.
 
Versteht mich nicht falsch, es ist vollkommen okay sich über etwas aufzuregen und etwas zu kritisieren. Davon lebt Diskussionskultur, aber eure Argumente sind einseitig und zeigen, dass ihr euch gar keine Gedanken über die Menschen macht, über die ihr die ganze Zeit herzieht. So auch heute auf Twitter:

– Die Kirche schreibt DIR überhaupt nichts vor. Die Kirche schreibt den Menschen, die an sie glauben, etwas vor. Wobei es selbst denen selbst überlassen ist ob sie den Anweisungen folgen oder nicht. Du persönlich kannst gerne den ganzen Tag in deinem Wohnzimmer tanzen, Filme schauen, dir einen runterholen oder die Bibel verbrennen. Das ist deine Sache. Aber nicht in der Öffentlichkeit. Denn da betrifft es nicht mehr dich persönlich, da betrifft es auch andere Menschen.
 
Auf das Argument „ich bin intolerant, weil die Kirche es auch ist“ soll nun nicht weiter eingegangen werden.
 
tolerant |tolerạnt|Adjektiv HERKUNFT (französisch tolérant <) lateinisch tolerans (Genitiv: tolerantis) = duldend, ausdauernd, adjektivisches 1. Partizip von: tolerare, tolerieren 1 großzügig gegenüber Andersdenkenden; andere Meinungen, Verhaltensweisen gelten lassend ein toleranter Mensch | eine tolerante Einstellung | tolerant sein gegen andere/gegenüber anderen
„tolerieren“ bedeutet „andere Meinungen, Verhaltensweisen gelten lassen“ 
 
Ihr seid nicht freiheitsliebend oder tolerant, sonst würdet ihr die Meinungen anderer gelten lassen. Ihr denkt nicht selbst, sondern plappert nach. Ihr wollt euch einfach nur über irgendwas aufregen. Ihr könnt an jedem anderen Tag in den Club feiern gehen, doch an ein paar Tagen im Jahr nicht (einer davon ist übrigens der Volkstrauertag, der nicht von der Kirche stammt. Man trauert trotzdem um Verstorbene!). Da erwartet man einmal von euch, dass ihr aus Rücksicht auf andere Menschen nur in euren eigenen vier Wänden tanzt. Aber das ist euch zu viel. Wer ist hier eigentlich intolerant?
 
Ich bin übrigens kein Christ und trauere nicht um den Tod von Jesus Christus. Ich bin ein aufgeklärter, freiheitsliebender Mensch und als solcher würde es mir nie in den Sinn kommen mein persönliches Bedürfnis heute zu tanzen (und nicht an den vielen anderen Tagen im Jahr) darüber zu stellen, andere Menschen in der Ausübung ihrer Trauer zu stören.

Venedig

Es war eine dieser spontanen Entscheidungen. So wie man sich ne neue Jeans kauft, weil sie gerade im Angebot ist oder am Flughafen ein Skyabo abschließt, weil man sowieso noch so viel Zeit bis zum Abflug hat, habe ich am Montag Abend (09.02.) um 21:00 Uhr spontan einen Flug nach Venedig gebucht, für Dienstag 17:00 Uhr. Ab Berlin. 500 Kilometer von meinem aktuellen Aufenthaltsort entfernt und ein Ticket für den Nachtzug. Ab 24:00 Uhr. Ich hatte also noch 2 Stunden Zeit zu packen bevor ich das Haus verlassen müsste um zum Bahnhof zu fahren. 
Ein gutes hatte die Reise mit dem Nachtzug nach Berlin aber schon einmal: Ich habe das Brandenburger Tor noch nie so leer gesehen!
Berlin Brandenburger Tor

Was haben Venedig und ein japanischer Porno gemeinsam?

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Aber es hat sich gelohnt: okay, der Karneval in Venedig war ein langersehnter Traum, den ich mir damit erfüllt habe. Doch wie so oft im Leben war der eigentliche Grund gar nicht der, der die Reise zu etwas Besonderem gemacht hat. Vielleicht hat – außer mir – noch jemand mal diesen kranken japanischen Porno mit den Fischen gesehen. Ich meine den, wo einer Frau Fische rektal eingeführt wurden. Sicherlich befinden sich unter meinen Leserinnen und Lesern Leute, die den Fischporno gesehen haben. Wisst ihr, das besondere an diesem Film ist nicht, dass sie ihr Fische einführen. Das lustige und damit meine ich: das wirklich lustige (!) ist, dass sie dabei schreit: „Warum habe ich nur das Nagelstudio aufgegeben?“ – diese Information, die man über die Hauptdarstellerin, vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen, erfärt ist es was diesen Porno zu einem cineastischen Meisterwerk macht. Und so war es auch bei mir. Es waren nicht die wunderschönen, bunten Kostüme in der Lagungenstadt, nicht die vielen kleinen Straßen und auch nicht die Tatsache, dass der Markusdom um diese Jahreszeit fast menschenleer war. Nein, das wirklich Besondere an dieser Reise waren die Menschen, die ich kennengelernt habe. Und diesmal ist die Dichte der wirklich kaputten Gestalten sogar relativ gering geblieben.

Das italienische Geradeaus

Vielleicht wart ihr schon mal in Italien, dann wisst ihr: in Italien passiert etwas mit dem Orientierungssinn der Menschen. Insbesondere in Venedig scheint der irgendwie auf Steroiden zu sein. Wenn man in Venedig jemanden fragt wie man von A nach B kommt werden die Leute immer sagen: einfach gerade aus. Sie meinen das „italienische Geradeaus“ ins deutsche übersetzt heißt das: links, rechts, links, nein da ist Wasser, wieder zurück, an der fünfzehnten Brücke noch mal links dann rechts und an der Kirche einmal im Kreis drehen. 
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Sure, you are german?

Nach etwa 48 Stunden akklimatisiert sich das Gehirn und man beginnt das Straßennetz zu verstehen, zumindest ist es bei mir so gewesen aber vielleicht lag es auch daran, dass ein befreundeter Hypnosetherapeut der Meinung ist, ich hätte in meinem früheren Leben in Venedig gelebt!
Ständig wollen mir Menschen einreden, dass ich kein Deutscher sei. Im Sommer, als ich Laura kennenlernte, machte sie mir das schönste Kompliment, das man einem Menschen machen kann: „Sure you are german? you are so fucking friendly“ (der aufmerksame Leser wird hier bald ein Déjà-vu entdecken) und erst kürzlich wollte ich mir ein neues Hemd kaufen und plötzlich tauchte eine Frau auf und fing an mit mir auf türkisch zu reden. Die Mutter meiner aktuellen Affäre fragt mich jedes Mal, wenn sie mich sieht: „und… woher kommst du wirklich?“, und will mir anschließend einreden, dass ich doch ruhig zugeben könnte in Wirklichkeit aus Israel zu stammen (Israel ist btw ein Einwandererland. Ein Großteil der Menschen dort kommt aus… surprise, surprise Deutschland, der ehemaligen Sowjetunion oder Frankreich!) und so war es auch auf meinem Flug nach Venedig.
Am Flughafen Berlin-Tegel wurde bereits ab dem CheckIn von AlItalia weder deutsch noch englisch gesprochen und als ich am Gate stand erschien plötzlich die deutsche Putzfrau auf der Bildfläche und fing an mich aus heiterem Himmel auf deutsch zu beleidigen, in der Annahme ich würde sie nicht verstehen.
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Das Problem ist, dass ich einfach zu kontaktfreudig bin

Nach 16 Tagen, in denen ich nur vier Nächte mit mehr als 5 Stunden Schlaf bekommen habe, erreiche ich Venedig.
Leider bin ich selbst – wenn mein Hirnstoffwechsel kurz vor dem Kollabieren steht – immer noch viel zu kontaktfreudig und so komme ich an meinem ersten Abend mit einem schwulen Raumausstatter aus Schweden ins Gespräch und denke mir noch, dass Venedig doch sicher ganz cool werden wird. Zu früh gefreut, denn am nächsten Tag lerne ich im Hotel Stefan kennen. Ich bin nicht sicher, ob das sein richtiger Name ist. aber Sam ist ja auch nicht mein richtiger Name. Dumm wie ich bin, erzählte ich ihm gleich zu Beginn unseres Smalltalks, dass ich aus Deutschland komme. Denn Stefans Englisch ist ziemlich schlecht und ich wäre vielleicht noch mal aus der Nummer rausgekommen, hätte er nicht plötzlich gesagt: „Gut, dann können wir uns verstehen“.
Stefan war ca. 70 Jahre alt und Straßenmusikant aus Bulgarien, der seit 15 Jahren in Valencia lebt. Er hat in den 60er Jahren in der DDR deutsch gelernt. Und sah genau so aus, wie man sich einen zahnlosen, bulgarischen Straßenmusikanten vorstellt. Diese klobigen Turnschuhe, die man für 10 Euro bei Aldi kauft, dazu eine Anzughose, die er fast bis unter die Arme trug und die deswegen etwa 10 Zentimeter zu kurz an den Beinen war. Darüber so eine Trainingswindjacke, wie man sie zum Fahrradfahren trägt, einen blauen Mantel und eine bunte Pudelmütze. Erwähnte ich schon, dass ihm die meisten Zähne fehlten? Ich hatte Nachts in den dunklen Gassen etwas Angst, dass er mich für die 2,50 Euro in meinem Portemonnaie erschlagen würde und anschließend noch meine Organe verticken würde. Aber wie ihr seht: ich lebe noch! Etwas unsympathisch machte sich Stefan aber doch, als wir an einer venezianischen Bank vorbei gingen, er mit dem Finger darauf zeigte und plötzlich begann davon zu reden, dass die Juden die Welt mit Geld regierten. Ist man vor diesem Gelaber eigentlich nirgendwo auf der Welt sicher?
Nun, Stefan gab mir seine Telefonnummer und erzählte euphorisch davon wie toll Valencia sei und dass ich ihn unbedingt zum Fallas Fest in Valencia besuchen müsse…
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Ik kan een beetje nederlands praten – Freibier auf Niederländisch

Stefan reiste am nächsten Tag ab und am Abend machte ich Bekanntschaft mit einer Chinesin. Ich weiß ihren Namen leider nicht mehr, aber ich weiß, dass sie nur eine Woche Urlaub im Jahr bekommt und sich ihre Europareise nun drei Jahre lang zusammengespart hatte. Das machte mich irgendwie traurig. Auch als sie mich gefragt hat ob ich wählen würde holte die Realität mich mit einem heftigen Schlag in die Magengrube ein. Klar, man weiß, dass die Menschen in China es nicht so gut haben wie wir in Europa. Aber so deutlich ist mir das sonst noch nie in meinem Leben bewusst geworden.
 
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Die Chinesin und ich gingen noch in eine Bar. Hier trafen wir auf ein älteres Ehepaar, das uns sofort in ein Gespräch auf Englisch verwickelte. Der Mann sprach so gut und akzentfrei Englisch, dass ich nicht mal hätte sagen können ob er aus Großbritannien kommt oder von irgendwo anders her. Aber bei seiner Frau hörte man einen Akzent raus.
Ich tippte auf Schweiz, Luxemburg vielleicht sogar Deutschland und stellte die alles entscheidende Frage:
„Where are you from?“
– „From Antwerp, Belgium“
„OH! IK HOU VAN NEDERLANDS! IK KAN EEN BEETJE NEDERLANDS PRATEN MAAR NIET HEEL GOED!“, schoss es aus mir. [Oh, ich liebe Niederländisch. Ich kann ein bisschen Niederländisch sprechen aber nicht sehr gut!]
Damit war das Eis gebrochen. Die alte Dame war so glücklich, dass sie mir den ganzen Abend über Bier ausgab und mir alles über sich erzählte. Auf Niederländisch. Sie erzählte von ihrem Urlaub in Frankreich, von ihrer Tochter und davon wie sie ihr Haus nach Feng Shui Richtlinien eingerichtet hatte. So wie sie es beschrieben hat, wohnt sie jetzt in einem China Restaurant.
Gleichzeitig unterhielt sich ihr Mann angeregt mit der Chinesin in perfektem Englisch. Von Bier zu Bier wurde es schwerer für mich beide Sprachen auseinanderzuhalten. Insbesondere, da der Mann immer wieder anfing Geschichten auf Englisch zu erzählen und seine Frau rief Kommentare auf Niederländisch rein. Er stellte ihr Fragen. Sie antwortete auf Niederländisch. Er stellte mir Fragen. Ich antwortete auf Niederländisch. Später bestanden meine Antworten zu 50% aus Englisch und zu 50% aus Niederländisch.
 
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Lei ha bisogno di bere della Birra!

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Die Chinesin reiste am nächsten Tag nach Florenz ab und ich war wieder allein. Bis ich sie traf: Magnolia! 
Magnolia war 42 und kam aus Mexiko. Sie reiste allein durch Europa und war froh, endlich jemanden zu finden der nett und kontaktfreudig war. Ich lernte sie an meinem letzten Abend in Venedig kennen. Als der Karneval so richtig begann…
Magnolia und ich beschlossen etwas Essen zu gehen und endlich hatte ich Gelegenheit meinen liebsten italienischen Satz zu sagen:
Lei ha bisogni di bere della Birra
– Sie muss Bier trinken!
Magnolia war wirklich super. Sie arbeitet in Mexiko für die Universität als Dozentin, ist unheimlich nett und wollte unbedingt deutsches Bier probieren. Sie war sogar so froh darüber, endlich jemanden getroffen zu haben mit dem sie um die Häuser ziehen konnte, dass sie die Rechnung übernahm. Und jeder der schon mal in Venedig war, weiß wie teuer Venedig ist! Für 2x Nudeln und insgesamt 4 Bier hat die arme Frau 70 Euro bezahlt. Und sie wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, dass ich mich daran beteilige. Zumindest das Trinkgeld durfte ich dazu legen. 
Vermutlich werde ich Magnolia im nächsten Winter in Mexiko besuchen. 
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Bildhinweis: Das Copyright aller Bilder in diesem Artikel liegt bei mir. Ihr dürft sie gerne auf euren Blogs verwenden (auch wenn ihr mit euren Blogs Geld verdient!). Allerdings unter der Bedingung, dass ihr einen Link zu meinem Blog setzt. Entweder auf diesen Artikel oder auf die Startseite. Danke.  

Warum Schnecken keine Existenzkrise auslösen dürfen

Niemals hätte ich gedacht, dass der Satz

„Der Chefkoch möchte heute Abend ein spezielles Menü für Sie vorbereiten“

,so viel Angst und Schrecken mit sich ziehen kann.

„Haben Sie eine Allergie? Gibt es irgendwas, das Sie nicht essen?“

Mir fallen auf Anhieb ne Menge Sachen ein, aber man will ja nicht unhöflich sein. „Fleisch„, sage ich und denke damit das größte Übel aus der Welt geschafft zu haben. „Was ist mit Fisch?„, fragt der Kellner. „Fisch ist okay„, antworte ich und denke damit kann man ja nichts falsch machen. Falsch gedacht.

Am Abend servieren sie mir Tapas mit Gemüse, Spaghetti in Pilz-Nuss Sauce. Einen Pina Colada Shrimp Kaviar Cocktail, dann Garnelen in Zitronensauce auf Ananas. Im nächsten Gang Reis mit Schnecken. Später noch die Fischlasagne mit Kartoffeln. Als Dessert Zitronenkuchen und einen Pana Cotta ähnlichen Pudding. Ich musste mich bei den Garnelen, Shrimps und Schnecken wirklich überwinden das alles runterzuwürgen, der Ekelfaktor ging gegen unendlich. Ich habe die einzelnen Gänge dann nur so weit angegessen, das es nicht ganz so unhöflich war und als der Chefkoch fragte wie es mir gefällt sage ich, es sei wirklich etwas ganz besonderes. Das war es wirklich.

Nach dem Menü, von dem ich bis jetzt nicht weiß ob es aus fünf oder sechs Gängen bestand, verbrachte ich die ganze Nacht damit die Reste von Schnecken aus meinem Gebiss zu putzen, kämpfte am Limit um nicht die Suite voll zu kotzen, während meine Nachbarn es nebenan so heftig miteinander trieben, das beinah ein Bild von der Wand gefallen wäre.

Das war wirklich nicht das, was ich wollte als ich dachte ich würde gerne mal wieder ne Muschel ausschlecken.

Über zwölf Stunden später sitze ich bei McDonald’s, trinke einen Eiskaffee wobei ich immer noch das Gefühl habe, dass die Schnecken gerade die Speiseröhre wieder hochgekrochen kommen und denke mir, dass ich nie wieder ne Perle dafür auslachen werde, wenn sie vor dem Sex zu McDonald’s will.

Dabei wird mir schmerzlich bewusst:

ich habe letzte Nacht das erste Mal nach fast 10 Jahren wieder etwa gegessen, das nicht koscher ist.

Für wenige Minuten stürzt mich das in eine Existenzkrise. Es fuckt mich richtig ab. Fast zehn Jahre habe ich jeden Tag verzichtet, im Zweifel lieber den Salat bestellt, den Pommesverkäufer gefragt was in seiner Sauce ist, Eis verschenkt, weil ich festgestellt habe das Mashmallows drin waren. In Stuttgart mal nen Kartofelsalat komplett, trotz großem Hunger, stehen lasen, weil diese verrückten Schwaben Schinken ganz unten drunter gemischt hatten… Meinen verdammten Kaffee ohne Milch getrunken, weil es zu Kabbalat Shabbat vorher in der Gemeinde Spaghetti Bolognese gab.

Dafür an einem Abend alles über Bord zu werfen?

Dann wird mir klar, dass es nicht schlimm ist.

Der spirituelle Nutzen, den wir aus der koscheren Lebensweise ziehen kommt durch die Unterscheidung.

Unkoscheres ist nicht schlechter, minderwertiger oder weniger schmackhaft. Es prüft unseren freien Willen. G“tt stellt uns jeden Tag vor die Wahl uns für das Richtige oder das Falsche zu entscheiden. Daher kommt es immer auf die Intention an. Erfüllte Gebote lassen sich nicht in einem himmlischen Meilenprogramm anrechnen, wo auf 5.000 x gefillte Fisch der Lottogewinn wartet.

Ich kann es nicht mehr ändern unkoscher gegessen zu haben. Aber ich kann mich in Zukunft wieder darauf konzentrieren, es richtig zu machen. 

Dem Monotheismus liegt der Dualismus zu Grunde. G“tt schafft Licht als Gegensatz zur Dunkelheit, die Welt und den Himmel, Land als Gegensatz zu Wasser. Tag und Nacht. Er erschafft den Menschen und – das ist jetzt ganz wichtig! – er erschafft nicht Mann und Frau, er erschafft Mensch und aus der Rippe des Menschen die Menschin. Daraus folgt, dass wir hier – aus sprachwissenschaftlicher Perspektive – von zwei gleichwertigen Wesen ausgehen müssen, die sich gegenseitig ergänzen.

Von unseren Gebeten und der Erfüllung von 613 Ge-/Verboten kann sich G“tt nichts kaufen. Er ist es nicht, der uns braucht sondern der Mensch ist es, der den Glauben braucht.

Jude sein bedeutet Entscheidungen treffen. 24/7 anhand von 248 Geboten und 365 Verboten das Richtige zu wählen. Nicht weil Rind besser oder leckerer wäre als Schwein, sondern weil es dadurch zu etwas „besonderem“ wird, dass wird es auswählen. Das „Richtige“ tun fängt im kleinen an. Es fängt damit an den Namen des Herrn nicht auszuschreiben. In jedem fucking Tweet, in jedem Blogpost und auch sonst überall das o durch ein “ zu ersetzen. Es fängt damit an die Zutaten auf dem Etikett von jedem verdammten Joghurt immer wieder und wieder vor dem Verzehr zu lesen (der Hersteller könnte ja plötzlich was geändert haben). Es fängt damit an jeden und wirklich jeden Morgen und Abend Shma Israel zu sagen, egal wie müde man ist, wie wenig Zeit man hat.

Prioritäten und Fokus formen uns zu dem, was wir sind

Bedingt durch den freien Willen urteilt G“tt nicht. Er überlässt es uns aus den zwei Alternativen die Richtige zu wählen. Wir tun das nicht um uns davon was kaufen zu können. Wir tun es für uns selbst.

Ich gebe zu: ich habe reale Angst davor auf der Stelle vom Blitz erschlagen zu werden, wenn ich blasphämische Äußerungen mache. Doch ich weiß, dass es nicht so sein wird. Denn das würde das ganze System untergraben. G“tt urteilt nicht, er lässt geschehen, so dass jeder die Chance hat sich FREIWILLIG für das Richtige zu entscheiden. Wenn er einfach jeden bestrafen würde, der sich nicht an seine Sachen hält. Oder noch schlimmer einfach schlimmes verhindern: wäre es Zensur.

Wir würden keine Kriege führen aus Angst vor G“ttes Rache und nicht, weil wir als Menschen einsehen, dass Frieden der einzig richtige Weg ist.

Daraus folgt, dass wir Frieden nur in uns selbst finden können.

Es heißt: im letzten Abschnitt des Kaddisch und auch am Ende der Birkat Hamason:

Oseh Shalom bimrumav, hu yaaseh shalom aleinu. We al kol Israel, we imeru amen.

Schaffe Frieden in deinen Himmelshöhen, so wirst du auch Frieden bereiten unter uns und ganz Israel. Und darauf sprechet: Amen.

Das ist deshalb so wunderbar, weil wir es auf uns übertragen können: Nur wenn in uns selbst – in unserem Kopf – Frieden herrscht können wir auch zum Wohle aller Umstehenden handeln. Wie oft verletzen wir andere Menschen um uns selbst stärker zu fühlen? Hier liegt der Fehler in uns selbst, in unserer Unzufriedenheit mit uns selbst.

Ich weiß nicht, ob es richtig ist koscher zu essen oder ob es mir wirklich ein universelles Wesen nach meinem Tod vorhalten würde wenn ich seinen Namen ausschreibe oder ausspreche. Ich weiß nur, dass es mein ganz persönliches Leben bereichert etwas zu haben an dem ich mich festhalten kann.

Minderheitenbingo: Interkulturelle Unterschiede

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Angehörige einer Minderheit sich über diese politisch inkorrekt äußern dürfen ohne gesellschaftliche Sanktionen fürchten zu müssen.

Rollstuhlfahrer dürfen sich über andere Rollstuhlfahrer aufregen. Mein Spastikerfreund Marius darf ungestraft das Wort „Spasti“ benutzen und wenn Türken behaupten andere Türken würden sich nicht integrieren, hält das auch niemand für rassistisch. 

So ist es auch bei Juden. Wenn sie aufeinander treffen gilt als Nummer eins Thema, dass sie andere Juden hassen. Ist Alkohol im Spiel verstärken sich die Emotionen um den Faktor die derzeitige Jahreszahl des jüdischen Kalenders (für Unwissende: wir schreiben das Jahr 5775!).

So war es auch auf dem Geburtstag meiner Freundin Yuliana.

Yuliana ist ein Mädchen aus Israel. Wenn man aus einer anderen Kultur kommt und seine eigene Kultur in dem Land, in dem man jetzt lebt, weiter ausleben möchte kommt man zwangsläufig mit Angehörigen des selben Kulturkreises in Kontakt. Kommt ein Marokkaner nach Deutschland und möchte hier seine muslimische Religion inkl. Speisegesetze und so weiter ausleben, so wird er zwangsläufig im Rahmen gesellschaftlicher Veranstaltung auf andere Muslime treffen. So ging es auch Yuliana, als sie die aus Israel gekannten Traditionen in Deutschland zelebrieren wollte. Sie traf zwangsläufig auf in Deutschland lebende Juden.

Es überrascht also nicht, dass sie ihren Geburtstag im Studentenheim mit 50% Juden feierte, die sich in Gruppen versammelten und das taten, was Juden immer tun, wenn sie unter Alkoholeinfluss auf andere Juden treffen: sie lästern über andere Juden.

Ich saß auf einem Sofa, rechts neben mir eine Gruppe enger Freunde, die gerade darüber redeten, dass die Sowjetunion nur untergegangen sei, wegen der ganzen Juden die da lebten und links neben mir ein französischer Austauschstudent.

Franzose: Worüber reden sie?

Ich: Darüber, dass sie Juden hassen.

Franzose: okay, ich verstehe

Ich bin nicht sicher, ob er es wirklich verstanden hat. Später stellte sich raus:

ihm fehlte ein kleines Detail über die deutsche Auffassung von Political Correctness.

Eine Studentin aus der Türkei, die ebenfalls im Wohnheim lebte, kam dazu und setze sich neben den Franzosen.

Türkin: Worüber redet ihr?

Franzose: Darüber, dass wir Juden hassen.

O.M.G. dem Mädchen ist wirklich ALLES aus dem Gesicht gefallen, ich habe noch nie in meinem ganzen Leben gesehen, dass jemand so geschockt war. Ich schwöre wirklich, sie hat fast geweint!

Türkin (den Tränen nahe): Ich dachte die Zeit in Deutschland wäre vorbei

Den restlichen Abend habe ich versucht dem Franzosen zu erklären, dass er diesen Satz NIEMALS außerhalb des Wohnheims in Deutschland wiederholen dürfe. Ich kann nur hoffen, dass er mich diesmal wirklich verstanden hat.

Mundpropaganda: Kurt Molzer und der Aufschrei bei der GQ

Seit kurzem bin ich wieder bei Twitter aktiv. Gestern dachte ich mir: wenn es einen Mann auf der Welt gibt, der dringend einen Twitteraccount gebraucht hätte, so wäre es Kurt Molzer in seiner Zeit bei Penthouse und GQ gewesen. Auch wenn ich mir Kurt Molzer nicht twitternt vorstellen kann, der passt doch irgendwie besser in die richtige Welt. Das ist wie ein Blog für Hank Moody: Selbstbestrafung. Dennoch schmiss ich den Namen „Kurt Molzer“ in die Twittersuche und wurde enttäuscht. Ergebnisse gab es, doch die enttäuschten mich noch mehr. Es handelte sich um die üblichen Aufschreitweets in Bezug auf einen Artikel, den Herr Kurt im Rahmen seiner früher bei der GQ erschienenen Kolumne veröffentlichte. Die Kolumne „Stich ins Lesbennest“ ist leider inzwischen von der GQ gelöscht worden, doch kann noch mittels Archive.org aufgerufen werden.

Ich halte Kurt Molzer für einen großartigen Kolumnisten und ich weine, weil dieser Mann – meines Wissens – nie einen Blog hatte. Die Geschichte „Stich ins Lesbennest“ kannte ich übrigens, denn sie befindet sich auch in Molzers Buch. Und die Story ist großartig! Alle, die jetzt zum Shitstorm blasen, weil „die GQ mit ‚Mundpropaganda‘ zu Toleranz aufruft aber gleichzeitig so homophobe Scheiße verbreitet„, haben den Artikel einfach nicht verstanden.

Kurz zur Erinnerung: Mundpropaganda („Gentlemen gegen Homophobie“) ist so ein Viral Ding von der GQ aus dem Jahre 2013. Bilder von sich küssenden Männern gegen Homophobie. Sicher nicht das Schlechteste  und steht in keinerlei Konflikt zu Molzers Artikel über seine Bemühungen eine lesbische Frau ins Bett zu bekommen. Denn dieser Artikel ist nicht homophob.

Das Gegenteil von Diskriminierung ist nicht Angehörige der betroffenen Gruppe besser zu behandeln, als Angehörige der Restgesellschaft sondern sie genauso zu behandeln

Kurt Molzer beschreibt in seiner Kolumne, dass er es sich zur Aufgabe machte mit einer lesbischen Frau Sex zu haben.

Das Gegenteil von Homosexuellenfeindlichkeit ist nicht „Homosexuelle besser zu behandeln als andere“ sondern „Homosexuelle genau so zu behandeln wie jeden anderen Menschen auch“ und dazu gehört nun mal, dass man sich über Klischees lustig machen darf. So wie es uns auch bei Heterosexuellen gestattet ist. Deshalb ist es auch vollkommen legitim, dass Molzer zu Beginn schreibt „Es durfte natürlich keine dieser Monsterlesben mit Stoppelglatze, Nasenringen und genietetem Lederarmband sein“. Es gibt lesbische Frauen, die diesen „Stereotyp“ bedienen und es gibt welche, die es nicht tun. Genauso wie es Amerikaner mit fetten Bäuchen gibt, die einen PickUp fahren und eine US Flagge in ihrem Garten hissen und auch welche, die dieses Klischee nicht erfüllen. 

Es ist so, als würde ich sagen „Ich würde gerne mal mit ner Schwedin schlafen, aber sie soll bitte keine blonden Haare und riesigen Brüste bei absoluter Topfigur haben„. Das ist auch ein Vorurteil, ein positives und sicherlich gibt es auch in Schweden Frauen auf die dieses Klischee passt. Natürlich ist es ‚gemein‘, wenn man dieses Vorurteil so hervorhebt. Aber hey, das ist es was Text macht: er erschafft Bilder, Emotionen durch die der nachfolgende Text in ein bestimmtes Licht gerückt wird. In allen Texten Molzers befinden sich gemeine Aussagen und Anspielungen. Diskriminierung von Schwulen und Lesben wäre es, sie davon auszunehmen. Das nennt man dann positive Diskriminierung.

Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß

Natürlich hatte sich Herr Kurt für seine Mission auch schon eine ausgesucht: „In meinen Augen hat sie nichts Lesbisches an sich, im Gegenteil. (…) Nicht im Traum hätte ich vermutet, dass sie mit ihresgleichen schläft.“ 

Wieder zwei Aussagen, die einen Shitstorm mit sich ziehen. Ein „Mimimimimimimi man sieht das Menschen auch nicht an“ breitet sich aus. Ich behaupte immer, dass es sehr wohl auch Menschen gibt, denen man ihre Homosexualität ansieht und das ist auch gut so. Denn Sexualität ist ein Teil der Persönlichkeit, sie spielt sich nicht nur im Bett ab sondern hat großen Einfluss auf unser Handeln im Alltag. Eine heterosexuelle Frau, die sich von einem heterosexuellen Mann angezogen fühlt, tut das aufgrund seiner Attraktivität, die er durch Verhaltensweisen zum Ausdruck bringt. Er benimmt sich in einer Form, wie sie sich von Männern angezogen fühlt und das sind i.d.R. im zwischenmenschlichen Attraktivitätsspiel von heterosexuellen Männern: männlich positionierte heteronormative Verhaltensweisen und das ist auch ganz normal, denn Sexualität bestimmt unser Leben. Wir flirten nicht nur auf Tinder oder beim Speeddating sondern ganzen Tag mit unserer Gestik und Mimik. Und deshalb ist es natürlich auch so, dass auch Homosexuelle ihre Sexualität dezenter oder weniger dezent (so wie es bei Heterosexuellen auch ist) in ihr normales Verhalten einfließen lassen.

Entsprechend ist es auch kein homophobes Vorurteil, dass man bei einigen Menschen die sexuelle Orientierung erahnen kann, ohne dass diese ausgesprochen werden muss. Egal ob Hetero- oder Homosexuell.

Trotzdem finde ich es geil, dass Molzer in seinem Artikel SO über diese Frau schreibt. Denn er nimmt dem „Man sieht Lesben an dass sie Lesben sind“-Argument jeglichen Wind aus den Segeln und untermauert, dass es natürlich auch Frauen gibt bei denen man daneben gelegen hätte, wenn man ihre sexuelle Orientierung hätte raten sollen.

Sexuelle Orientierung ist fließend

Am Ende haben sie wirklich Sex. Und ich finde es gut. Von Kritikern dieses Artikels wurden in den Facebook Kommentaren und auf Twitter behauptet, es handle sich hierbei um eine Vergewaltigung und Unterdrückung der Frau bla bla bla… Zum einen fehlt juristisch gesehen für die Vergewaltigung die aktive Gegenwehr. Ich bin kein Freund der Formulierung des §177 StGB wieso, könnt ihr hier nachlesen. Ich denke auch, dass man auch ohne aktive Gegenwehr in bestimmten Fällen von Vergewaltigung sprechen muss, doch das würde nun zu weit führen.

Trotzdem wäre ich vorsichtig damit jemanden in Facebookkommentaren oder Tweets als Vergewaltiger zu bezeichnen. Aus dem Artikel geht keine aktive Gegenwehr hervor, die Frau hat nicht mal „nein“ gesagt. Es ist nicht nur absolut schwachsinnig in diesem Kontext von Vergewaltigung zu sprechen, es ist sogar eine Herabsetzung der Würde und eine Entmündigung dieser lesbischen Frau, wenn man einen sexuellen Kontakt zwischen ihr und einem Mann mit einer „Vergewaltigung“ rechtfertigt.

Denn sexuelle Orientierung ist etwas fließendes. Wenn eine heterosexuelle Frau mit ihrer besten Freundin einen Dreier hat, dann macht sie das nicht automatisch bisexuell. Wenn ein heterosexueller Mann im Rahmen der Mundpropagandaaktion einen anderen Mann auf den Mund küsst, so macht ihn das nicht schwul. Lt. Queer haben in der Deutschschweiz 29% der Männer und 41% der Frauen homosexuelle Erfahrungen gemacht. Ich glaube die Dunkelziffer liegt noch viel höher.

Und wenn eine lesbische Frau beschließt, dass sie gerne mal (wieder) Sex mit einem Mann ausprobieren möchte, dann wird sie dadurch weder bisexuell noch wird ihre Homosexualität in Frage gestellt. Leute, die jetzt kommen und sagen „das ist eine Vergewaltigung, denn sie ist ja ne Lesbe“, setzen die sexuelle Selbstbestimmung dieser Person herab. Sie sprechen ihr das Urteilsvermögen ab, selbst darüber bestimmten zu können mit welchem Geschlecht sie jetzt Sex haben möchte unabhängig davon, welches Geschlecht sie in den meisten sonstigen Fällen präferiert.

Ihr disst mit euren Kommentaren und Tweets nicht die GQ oder Kurt Molzer. Ihr disst jeden Menschen, der sich abseits seiner „Vollzeit sexuellen Orientierung“ mal ausprobieren wollte.

Ja, der Artikel von Kurt Molzer ist gemein und voller Klischees und Vorurteilen. Doch das sind sie alle. Das ist nicht homophob, sondern konsequent. Erst wenn er in einem Artikel über Schwule & Lesben von seinem normalen Erzählstil abgelassen hätte, könnten wir von Diskriminierung sprechen, denn dann würde er homosexuelle Menschen anders behandeln als alle anderen, die in seinen Kolumnen eine Rolle spielten.

Von der GQ finde ich es wirklich schade, dass sie die Artikel von Molzer inzwischen gelöscht haben. Nur weil sich ein paar Internetmenschen auf Facebook und Twitter aufgeregt haben.